Brauchen wir eine Europaliga?

Man hört und liest es mittlerweile immer öfter, und auch @GNetzer konstatiert im Rasenfunk Royale, man komme um eine Europaliga wahrscheinlich nicht herum. Doch wäre eine solche tatsächlich zielführend, um wieder mehr Spannung in den nationalen Ligen zu erzeugen?

Kern des Gedankens scheint die Oligopolisierung vieler europäischen nationalen Ligen zu sein. Seien es große und ‘wichtige’ wie die Bundesliga oder die Ligue 1, oder kleinere wie die Schweizer Super League oder die Österreichische Bundesliga – überall gibt es nur wenige Teams, die seit Jahren die Meisterschaft unter sich ausmachen, bis hin dazu, dass man gar von Alleinherrschaft sprechen kann. In der Schweiz hat der FC Basel die letzten sechs, PSG in Frankreich und Bayern in der Bundesliga je drei Meisterschaften gewonnen. Diese Vereine spielen Jahr um Jahr in der Champions League und verdienen dort Millionen, die anderen Clubs in den nationalen Ligen nicht zur Verfügung stehen. Man kann also den Ruf nach einer europäischen Liga gut verstehen. Dort könnten die ‘Großen’ dann unter ihresgleichen konkurrieren, und die nationalen Ligen wären wieder spannender. Wenn Bayern München und Borussia Dortmund in einer solchen Europaliga spielen würden, dann wäre die Hertha Herbstmeister in der Bundesliga. Wenn das keine Überraschung ist, und der Beleg, dass die Liga dann wieder spannend wäre!

Wie könnte denn ein solches Europaliga-Konstrukt in einem Gedankenspiel aussehen? Man hätte die Mannschaften, die sich jetzt auch schon in der ChampionsLeague befinden. 16 bis 22 Teams könnten es sein. Doch dann kommen Fragen auf. Nach welchem Mechanismus setzt man die Liga zusammen? Wieviele Teams aus den verschiedenen Ländern sind zugelassen? Das könnte man an der 5-Jahres-Wertung festmachen, wie bei der ChamionsLeague auch. Doch was macht man dann, wenn drei deutsche Vereine in der Europaliga spielen, und keiner von denen steigt ab? Dann kann ja eigentlich der Deutsche Meister nicht aufsteigen. Andererseits, wenn man keine Begrenzung setzte, bestünde bald nach Gründung vermutlich zwei Drittel der Europaliga aus englischen Vereinen, weil in der Premier League nun mal unbestritten das meiste Geld unterwegs ist. Das würde auch nicht Sinn und Zweck einer Europaliga sein. Also müsste man viel Konstruktionsarbeit in ein solches Gebilde stecken, wobei am Ende vermutlich etwas herauskommt, was es Vereinen aus den nationalen Ligen unheimlich schwer machen würde, in eine solche Europaliga aufzusteigen.

Was hätte man nun damit gewonnen? Die nationalen Ligen wären wieder spannender, weil die dominierenden Vereine nicht mehr an den Wettbewerben teilnehmen würden. Macht man sich aber Gedanken darüber, wieviel Vermarktungspotential diese Europaliga hätte, würde das zwangsläufig dazu führen, dass die Vereine, die dort spielen, noch mehr Millionen einnehmen als sie es jetzt bereits tun. Die berühmte Schere würde immer weiter auseinander gehen, und wir hätten auf europäischer Ebene ein ähnliches Phänomen, wie wir es jetzt schon im Kleinen und in Ansätzen zwischen der ersten und zweiten Bundesliga haben. In der zweiten Liga gibt es eine Fülle an Vereinen, die auf ähnlichem Niveau um den Aufstieg ringen. Dennoch schaffen es nur wenige, nach dem Aufstieg dann mit dem höheren Niveau mithalten zu können. In krasserer Form würde es das zwischen der Europaliga und den nationalen Ligen auch geben.

Betrachtet man in diesem Gedankenspiel den Transfermarkt, kann man ebenso Parallelen ziehen. Eine Vielzahl von Weltklasse-Spielern, aber auch von Sportlern, die leistungsmäßig nicht an der Spitze anzusiedeln sind, zieht es derzeit nach England, gelockt von unerhört hohen finanziellen Angeboten. In einer Europaliga würden mit Anstieg der Einnahmen auch solche Angebote zunehmen, und die Creme de la Creme der Fußballer würden in der Europaliga spielen. Es wäre kaum noch möglich, Topspieler in die Bundesliga zu locken, die aktuell ja nicht den schlechtesten Ruf in der Welt hat. Dadurch würde ein großer Teil der Attraktivität der Liga verloren gehen. Das bedeutet weniger Zuschauer, weniger Einnahmen und Sponsoren, weniger Geld … Teufelsspirale.

Gibt es eine Alternativlösung? Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, aus dieser  Geldmisere herauszukommen? Eigentlich besteht die einzige Möglichkeit, die Konkurrenz in der Liga zu beleben, in einer faireren Verteilung der finanziellen Mittel. Nun kann man natürlich sagen, die Mittel sind insofern fair verteilt, dass die Vereine bekommen, was sie sich selbst erarbeiten. Doch dieses Argument ist weder solidarisch noch dem Wettbewerb dienlich. Und bei allen wirtschaftlichen Interessen ist und bleibt auch Profifußball eigentlich Sport. Und dass im Sport bestimmten Entwicklungen entgegengewirkt wird, um Wettbewerbsgleichheit herzustellen, kennt man aus anderen Sportarten. Warum also nicht im Fußball? Eine Idee wäre zum Beispiel, dass Gelder, die die UEFA aus der Vermarktung der europäischen Wettbewerbe erhält, zu einem gewissen Prozentsatz nicht an die teilnehmenden Vereine, sondern an die nationalen Verbände gehen. Dort könnten sie dann nach einem ähnlichen Schlüssel verteilt werden, wie heute schon die Fernsehgelder durch die DFL verteilt werden. Damit kämen Erfolge deutscher Mannschaften ein stückweit auch den anderen Vereinen zugute. Ob und wie das technisch, juristisch oder im Detail möglich wäre, steht auf einem anderen Blatt, und es würde mit Sicherheit nicht alle Probleme in Sachen financial fair play lösen. Aber es wäre ein Anfang.

 

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