Vom Fallen und Leiden: Schauspielerei und Fallsucht als taktisches Mittel

Da fällt wieder einer. Kaum berührt vom kleinen, wuseligen Offensivspieler des Gegners. Dennoch krümmen sich muskelbepackte zwei Meter Innenverteidiger auf dem grünen Rasen, augenscheinlich unter unerträglichen Schmerzen. Ein Pfiff, eine Karte, ein Unverständnis ausdrückender Blick. Der Referee winkt, die Sanitäter rücken an. Es wird getuschelt, gesprayt, die Trage ist dann doch nicht nötig, und der verletzte Spieler wird langsam humpelnd vom Feld geführt. Dann folgen etwa null komma zwei Sekunden, in denen eine Wunderheilung vollzogen worden sein muss, denn der eben noch behandelte Spieler möchte umgehend auf den Platz zurück. Als der Schiedsrichter ihm die Rückkehr schließlich gewährt, ist von Einschränkungen des Bewegungsapparates nichts mehr zu sehen. Warum, fragt man sich, arbeiten solch herausragende Mediziner im Sportbereich, und haben nicht schon längst Krebs geheilt oder ähnliches? Oder steckt doch etwas anderes dahinter?

Szenen wie solche sieht man fast jede Woche auf den Bundesligaplätzen der Republik. Namen zu nennen ist dabei völlig unnötig, denn das Problem, und als solches muss man es  bezeichnen, ist ein gesamtfußballgesellschaftliches. Was also passiert in Szenen wie diesen? Ganz einfach: Hier wird Schauspielerei als taktisches Mittel eingesetzt, um Zeit zu schinden, oder Freistöße und Elfmeter zu ergattern. Eine Unart, die sich nicht nur in letzter Zeit im Profifußball breit macht. Die Fallsucht greift um sich, und beschränkt sich dabei nicht nur auf Mannschaften oder Spieler mit eingeschränkten technischen Fähigkeiten. Das Fallen als taktisches Mittel ist salonfähig geworden. Man möchte Sekunden ‘von der Uhr nehmen’, Freistöße in aussichtsreicher Positionen erhalten, um die eigenen Kopfballspezialisten in Stellung zu bringen oder die Vergabe von gelben oder raten Karten zu provozieren.

Auch das Fußball-Magazin ’11 Freunde’ hat in seinem Artikel zum Fall Marvin Hitz auf das Problem hingewiesen. Dabei wird aufgezeigt, was einer der Knackpunkte des Problems ist: Die gesellschaftliche Akzeptanz. Spieler, die geschickt foul spielen (oder sich foulen lassen), sodass der Schiedsrichter es nicht sieht, gelten als clever. Begriffe wie ‘Foul ziehen’, ‘geschickt einfädeln’ oder auch das oben schon zitierte ‘Zeit von der Uhr nehmen’ sind auch in den Medien etabliert und keineswegs negativ belegt, wie es früher das ‘Elfer schinden’ oder die ‘Schwalbe’ war. Vor allem letzteren Begriff hört man kaum noch von Kommentatoren. Scheinbar ist es weniger verpönt zu sagen, dass ein Spieler für sein Team eine vielversprechende Freistoßgelegenheit erzeugt hat, als ihm zu unterstellen, dass er in unsportlicher Weise den Schiedsrichter täuschen wollte. Eben diese jedoch darf man an dieser Stelle auch nicht aus der Pflicht nehmen. Zum Teil ist es auch der fehlenden Einheitlichkeit in der Bewertung von Situationen geschuldet, dass Berührungen gepfiffen werden oder eben nicht. Und auch Schiedsrichter tun sich augenscheinlich schwerer, einen Spieler wegen einer Schwalbe zu verwarnen, als einfach das Foul zu pfeifen. Und wie Ex-Profi Ralph Gunesch bei Bohndesliga treffend sagte: “Wenn mir ein Foul angeboten wird, nehme ich das an.” Wenn also der Gegenspieler ungeschickt in den Zweikampf geht, und man weiß, dass Schiedsrichter so etwas abpfeifen, macht man sich das zunutze. Frei nach dem Motto: Erlaubt ist, was nicht verboten ist.

Nun kann man natürlich nicht den Fußball so kaputt regulieren, dass man solche Dinge bis ins Detail festschreibt. Das wäre dem Spiel, das sehr von der Dynamik lebt, nicht zuträglich. Dennoch wäre es wichtig, wenn Schiedsrichter in der Bewertung von möglichen Foulspielen eine etwas einheitlichere Linie pfeifen würden. Schauspielerei, so sie als solche erkannt wird, müsste rigoroser bestraft werden. Man könnte vielleicht sogar so weit gehen, dass man zum Beispiel offensichtliches Zeitschinden, wie es im Eingangsbeispiel beschrieben wurde, auch im Nachhinein noch bestrafen könnte, zum Beispiel durch eine Sperre im folgenden Spiel. Das ist vielleicht eine Forderung, die umzusetzen nahezu unmöglich ist. Doch vielleicht würde allein durch die Diskussion darüber eines wieder klar gestellt: Das Vortäuschen falscher Tatsachen mit dem Ziel, sich einen Vorteil im Spiel zu verschaffen, ist unsportlich, und gehört bestraft. Sicher, es geht um viel Geld im Profifußball, doch das kann nicht die Ausrede sein. Es ist und bleibt immer noch ‘nur’ Fußball. Ein Fußball jedoch, der als Spiel und mit der Kultur drumherum dennoch über großen Einfluss und eine große Strahlkraft in die Gesellschaft verfügt. Fußball wird oft als Spiegel der Gesellschaft zitiert, aber immer nur dann, wenn es darum geht, dass man Dinge im Fußball nicht ändern kann, weil sie in der Gesellschaft genauso sind. Aber warum den Spieß nicht mal umdrehen? Warum nicht den Fußball ändern, der dann vielleicht auch die Gesellschaft beeinflusst? Zeigen wir unseren Kindern in den Stadien, dass für das Erreichen von Zielen nicht jedes Mittel recht ist!

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